Inhalt: Ein neugeborener Hase knurrt, obwohl junge Hasen nicht knurren. Die Eltern sind ratlos, die Krähe als Waldarzt verschreibt Mohrrüben gegen die Wildheit, das Eichhörnchen sagt ein schlechtes Ende voraus. Der Vater nennt das Kind Dreiläufer. Der beißt einem Fuchs in die Schwanzspitze, jagt Ausflügler aus dem Wald, die ihren Müll liegen lassen, und wird dafür vor einem Schwan als Richter angezeigt. Dann brennt der Wald. Ausgerechnet sein verbotenes Wissen um den Sumpfgraben führt die Tiere zum See, und er trägt die Nichtschwimmer auf dem Rücken ans Ufer. Am Schluss plant er schon den nächsten Streich, die Karpfen will er erschrecken. Die Mutter sagt dazu kein Wort. Erzählt wird in kurzen Hauptsätzen mit viel Lautmalerei, ohne Anführungszeichen bei der wörtlichen Rede. Das Buch ist zum Vorlesen gebaut.
Autor: Gerhard Holtz-Baumert (1927 bis 1996) war Journalist, Chefredakteur von Kinderzeitschriften und ab 1961 freier Schriftsteller. Bekannt wurde er mit „Alfons Zitterbacke“ (1958), einem der bekanntesten Kinderbücher der DDR. Er erhielt 1975 und 1987 den Nationalpreis der DDR und saß von 1971 bis 1990 für den Kulturbund in der Volkskammer. „Hasenjunge Dreiläufer“ gehört zu seinen weniger bekannten Titeln und ist als Bilderbuchgeschichte in seiner Werkliste verzeichnet.
Illustrationen: Manfred Bofinger (1941 bis 2006), gelernter Schriftsetzer, Typograf und Karikaturist beim Eulenspiegel, später freischaffender Illustrator von weit über 300 Büchern. Kunstpreis der DDR 1981. Seine Zeichnungen kannten viele Schulanfänger aus den Mathematikbüchern. Hier arbeitet er mit schwarzer Kontur und flächigen Farben in knapper Palette: Rostorange für den Helden, Braun für die Eltern, Blau für Nebenfiguren und Geschwister. Am Bildrand sitzen genau beobachtete Schnecken, Libellen und Käfer, die das Suchen lohnen. Die Bilder wiederholen den Text nicht, sie kommentieren ihn. Der Richter-Schwan mit Brille macht aus der Amtswürde Kasperletheater, die Waldbrandseiten zeigen Feuer und Rauch als dunkelblaue Wolken, die Rettung über den See läuft in Bildstreifen wie ein Comic.
Historischer Kontext: Das Buch erschien 1976 im Kinderbuchverlag Berlin, der 1949 gegründet und der Pionierorganisation „Ernst Thälmann“ unterstellt wurde. Die vorliegende 4. Auflage von 1979 kostete laut Impressum 5,40 M. Vier Auflagen in drei Jahren sprechen für stetige Nachfrage, Auflagenhöhen sind nicht bekannt. Weitere Ausgaben sind nachgewiesen: eine 2. Auflage 1977 und eine Neuausgabe 2004 im LeiV Leipziger Kinderbuchverlag. Zeitgenössische Kritiken, Preise für den Titel oder eine Verfilmung sind nicht belegt. Text und Bilder kommen ohne Pionier- oder Parteibezug aus. Die Erwachsenen im Buch sind keine Vorbilder, sie verwalten Ordnung und fragen, was ein richtiger Hase tut. Ob das als Kritik an autoritärer Erziehung gemeint war, sagen weder der Text noch die Quellen.
Was dieses Buch heute interessant macht: Es braucht keine Erklärung. Ein Kind fällt auf, die Erwachsenen suchen eine Diagnose, die Versammlung weiß schon vorher, was sie will, und am Ende rettet der Außenseiter alle. Anerkennung bleibt dabei Duldung, das Wildschwein sagt sinngemäß: Lasst ihn, wie er ist, ich habe nichts gegen ihn. Eine Moral spricht das Buch nicht aus, der Schluss mit der schweigenden Mutter überlässt sie den Vorlesenden. Für Sammler ist es ein Bilderbuch der 1970er Jahre mit einem prägenden Illustrator, zum Vorlesen taugt es ohne Einschränkung.
Ausgabe: Der Kinderbuchverlag Berlin, © 1976, 4. Auflage 1979. Pappband mit farbig illustriertem Einband, 26 Seiten, durchgehend vierfarbig illustriert. Lizenz-Nr. 304-270/191/79-(110), LSV 7527, DDR-Bestellnummer 630 094 9, EVP 5,40 M. Lichtsatz: Interdruck Leipzig, Druck und Bindung: Sachsendruck Plauen. Das Impressum steht auf der Rückseite des Einbands.
Erhaltungszustand: Gesamtzustand sehr gut, leichte Gebrauchsspuren. Auf den Fotos sind die Einbandkanten leicht bestoßen, der Einband wirkt etwas vergilbt, auf der Rückseite ist ein kleiner heller Fleck zu sehen. Die Seiten sind vollständig.










