Inhalt: Der Roman spielt im Sommer 1938 in Wangelin, einer mecklenburgischen Kleinstadt unweit der Ostsee. Erzählt wird überwiegend aus der Nähe des knapp zehnjährigen Martin Stresow, Sohn eines Nähmaschinenhändlers, daneben aus der Sicht des Brückenwärters Giesicke und des Müßiggängers Clemens „Baron“ Meyer. Das Buch beginnt mit einer Trinkszene im Kolonialwarenladen, in der Kaufmann Prinz mit Pickelhaube und Säbel Bauern im Stechschritt marschieren lässt. Giesicke wurde von SA-Schlägern misshandelt und meldet sich am Telefon trotzdem mit dem Hitlergruß; einer der Täter, der Stellmachermeister Bölling, zahlt ihm zehn Pfennig Brückengeld. Später verschüttet ein Unglück fünfzehn Jungen, und der Ortsgruppenleiter macht daraus eine Heldenrede. Die Figuren sind keine Helden, sondern Mitläufer, Zyniker und Verdränger. Der Klappentext spricht von einem Buch, das „mosaikartig das Bild einer kleinen Stadt im Sommer 1938“ entwerfe. Die Beschreibung stützt sich auf den Anfang (S. 6 bis 47) und den Schluss (S. 225 bis 234) der Ausgabe; zum Mittelteil lässt sich hier nichts sagen.
Autor: Herbert Nachbar (1930 bis 1980), geboren in Greifswald, Sohn eines Fischers, arbeitete zunächst als Redakteur und Lektor im Aufbau-Verlag und war ab 1957 freier Schriftsteller. Sein erster Roman „Der Mond hat einen Hof“ brachte ihm 1957 den Heinrich-Mann-Preis; „Die Hochzeit von Länneken“ wurde 1964 von der DEFA verfilmt. 1976 erhielt er den Nationalpreis der DDR.
Historischer Kontext: Das Impressum nennt Copyright 1972 und die 2. Auflage, der Innentitel dagegen 1974; die englische Wikipedia führt als Erstausgabe 1973. Welche Angabe zutrifft, ist ungeklärt. Dieselbe Quelle ordnet den Roman einer losen „Provinz“-Trilogie zu, was eine Deutung der Wikipedia ist. Auflagenzahlen, Verfilmungen oder zeitgenössische Kritiken zu diesem Titel konnten wir nicht belegen.
Was dieses Buch heute interessant macht: Der Text interessiert sich weniger für Widerstand als für die Alltäglichkeit des Mitmachens. Der gelesene Teil trägt keine plakative Rahmung; die Haltung entsteht aus der Anordnung der Szenen. Besonders der Schluss lässt offen, ob Martins innere Reserve („grün sagen, weiß denken“) Widerstand oder Anpassung ist. Ein Satz daraus: „Die Wand ist grün, wenn der Befehl kommt, Stresow, das ist doch klar?“ (S. 233). Dazu kommt dichtes Zeitkolorit: Singer-Nähmaschinen, Goldkrone-Zigarren, Wundertüten für fünf Pfennig.
Ausgabe: Aufbau-Verlag Berlin und Weimar, 1972 (laut Impressum), 2. Auflage, 234 Seiten, Einband mit Schutzumschlag von Brigitte N.-Kröning, eine kubistisch aufgebrochene Kleinstadt in kräftigen Farben. Gesamtherstellung: Offizin Andersen Nexö, Graphischer Großbetrieb, Leipzig. Lizenz-Nr. 301. 120/141/74, Best.-Nr. 611 289 2, EVP 6,60 M.
Erhaltungszustand: Gesamtzustand gut. Umschlagseite am Rand leicht berieben und mit geringen Randläsuren, sonst ordentlich.










