Inhalt: „Die gefesselte Zeit“ ist ein Spielebuch mit mathematischem Unterbau. Rüdiger Thiele stellt Denk- und Geduldsspiele vor, von Schiebepuzzles wie dem Boss-Puzzle über Holzknoten, den Turm von Hanoi und die Chinesischen Ringe bis zu Domino, Labyrinthen, Somawürfel und Tangram. Dazu kommen Papierspiele wie Schiffeversenken und Käsekasten, Nim, Tic-Tac-Toe, Randgebiete des Schachs und ein Autorennen auf Millimeterpapier nach der Bahn von Le Mans. Jedes Kapitel folgt demselben Gang: Herkunft des Spiels, Regel, Strategie, dann die mathematische Erklärung, etwa warum manche Stellungen beim Schiebepuzzle unlösbar sind oder wie Hanoi zur Rekursion führt. Wo Spielgeräte schwer zu haben waren, stehen Baupläne mit Maßen bereit. Die Lösungen sind gesammelt im hinteren Teil des Buches untergebracht.
Autor: Rüdiger Thiele. Die Zeichnungen stammen von Gerhard Pippig, die Fotos von Albrecht Körner (laut Titelblatt 157 Fotos), die Buchgestaltung von Peter Mauksch, Lektor war Konrad Haase. Ob der Autor mit dem Leipziger Mathematiker und Wissenschaftshistoriker gleichen Namens identisch ist, lässt sich aus dem Buch nicht belegen. Naheliegend ist es, bewiesen nicht.
Historischer Kontext: Das Buch erschien 1988 in der 5. Auflage im Urania-Verlag Leipzig, Jena, Berlin, dem Verlag der Urania, der Gesellschaft zur Verbreitung wissenschaftlicher Kenntnisse. Das Impressum nennt zusätzlich einen Vermerk „Verlag für populärwissenschaftliche Literatur 1984“. Zu Erstausgabe, Gesamtauflage und zeitgenössischer Kritik ließ sich nichts Belegbares finden. Politische Rahmung gibt es in den lesbaren Teilen kaum, der Kanon der Spiele ist überwiegend westeuropäisch und angloamerikanisch. Die DDR zeigt sich im Kleinen: Puzzlebauer aus Hohenstein-Ernstthal und Karl-Marx-Stadt, Ausflugsziele mit Labyrinthen wie Mosigkau, Altjeßnitz und Graitschen. Der Zauberwürfel auf dem Einband verweist auf den Rubik-Boom der Achtzigerjahre.
Was dieses Buch heute interessant macht: Der Autor nimmt seine Leser ernst. Herkunftslegenden bekommen ein „angeblich“ oder gelten als „fragwürdig“, und der Humor ist trocken: Das Vorwort schließt mit „Angaben ohne Gewähr!“ (S. 6). Wer bastelt, findet Konstruktionszeichnungen für Holzknoten, Pappdominos und Schnurspiele, die als Material Plaste, Linoleum, Draht und Knöpfe voraussetzen. Auf S. 14 steht ausdrücklich, dass es wenige der Spielgeräte zu kaufen gibt und man improvisieren kann. Die Mathematik ist zeitlos, so taugt das Buch auch für Mathe-AG, Familienrunde und Regentage. Sammler von DDR-Sachbüchern bekommen ein Zeitdokument privater Freizeitgestaltung mit aufwendiger Ausstattung, teils farbig.
Ausgabe: Urania-Verlag Leipzig, Jena, Berlin 1988, 5. Auflage. 216 Seiten, Pappband mit Schutzumschlag. ISBN 3-332-00080-2, DDR-Bestellnummer 653 798 9, Lizenznummer VLN 212-475/170/88, LSV 1009. Druck: Druckhaus Karl-Marx-Stadt, Lichtsatz Interdruck Leipzig.
Erhaltungszustand: Gesamtzustand gut. Der Schutzumschlag ist berieben und hat einen Einriss, sonst ist das Exemplar sehr gut erhalten.










