Inhalt: Auf der Insel Lotos im Mittelmeer wartet das kleine Fischerdorf Kastania nach einem nächtlichen Sturm auf die Rückkehr seiner Männer. Nicos‘ Vater bleibt aus. Während der achtjährige Junge sich einredet, der Vater habe nur den größten Fisch des Meeres am Haken, lernt er von der Mutter, dass auf der Nachbarinsel Wachtürme stehen — und dass dahinter „gute Menschen“ festgehalten werden, „Menschen wie unser Vater“. Am Strand rettet Nicos einen kleinen, gestrandeten Fisch aus einer austrocknenden Pfütze. Zum Dank nimmt das magische Wesen ihn auf seinem Rücken mit in die Tiefsee — und erzählt ihm dort die Geschichte des Riesenkraken, eines Tyrannen, der einst das Meer beherrschte, vom Kollektiv der Meeresbewohner gestürzt wurde und doch nicht restlos beseitigt ist.
Carola und Thomas Nicolaous schmaler Band aus der Reihe „Die kleinen Trompeterbücher“ ist eines der literarisch ambitioniertesten Kinderbücher des Kinderbuchverlags Berlin. Hinter dem Märchen vom dankbaren Fisch verbirgt sich eine präzise politische Allegorie auf Diktatur, Widerstand und die Notwendigkeit gründlicher Vergangenheitsbewältigung. Thomas Nicolaou, 1937 geboren und als Kind nach dem griechischen Bürgerkrieg in die DDR emigriert, schrieb das Buch 1972 — mitten in der Zeit der griechischen Militärjunta, als die berüchtigten Verbannungsinseln Makronissos und Gyaros wieder in Betrieb waren. Die zentrale Mahnung des Buches — „Dem Bösen wachsen Arme nach, wenn man es nicht restlos begräbt“ — ließ sich 1972 sowohl auf Griechenland als auch im DDR-Diskurs auf die unvollendete westdeutsche Entnazifizierung beziehen.
Brigitte N. Kröning illustriert den Band in der charakteristischen Holzschnitt-Ästhetik des DDR-Zweifarbendrucks: Schwarz auf Zyanblau, mit der Kraft des Linolschnitts, einer expressionistischen Linienführung und einer Bildsprache, die zwischen kindlicher Wärme und unterseeischer Bedrohung mühelos wechselt. Die Reduktion auf zwei Farben war drucktechnische Sparmaßnahme — und wird bei Kröning zur ästhetischen Tugend.
Das vorliegende Exemplar ist die 7. Auflage von 1981, gedruckt im Grafischen Großbetrieb Völkerfreundschaft Dresden. Sieben Auflagen zwischen 1972 und 1981 belegen den anhaltenden Erfolg dieses Trompeterbuchs, das heute zu den gesuchten Titeln der Reihe gehört: bei Trompeterbuch-Sammlern, bei Liebhabern der DDR-Exilliteratur und bei allen, die in DDR-Kinderbüchern jene seltenen Texte suchen, die ihr Publikum — Kinder wie Politik — gleichermaßen ernst nehmen.


