Eine kulturhistorische Weltreise durch die Küchen und Speisezimmer – verpackt als DDR-Ratgeber
Bibliografische Basisdaten
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Titel: Ein Leib- und Magenbuch. Kulinarische Notizen
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Autorin: Ursula Winnington
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Illustrationen: Newena Wendt-Jontschewa
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Verlag: Verlag für die Frau, Leipzig (DDR)
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Erscheinungsjahr: 1984 (2. Auflage; Erstausgabe 1981)
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Ausstattung: Hardcover (Pappband mit Titelillustration)
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Umfang: 160 Seiten
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Ehemaliger Ladenpreis: 9,80 Mark (LSV 9229)
Einordnung und Gesamtcharakter
Das 1981 erstmals erschienene Leib- und Magenbuch von Ursula Winnington ist eine Ausnahmeerscheinung auf dem Buchmarkt der Deutschen Demokratischen Republik. Herausgegeben vom angesehenen Leipziger Verlag für die Frau, der vor allem für praxisorientierte Standardwerke wie „Wir kochen gut“ bekannt war, entzieht sich dieses Werk einer simplen Kategorisierung. Es ist zur Hälfte kulturhistorischer Essayband, zu einem Viertel Ernährungsratgeber und zu einem weiteren Viertel eine exotische Rezeptsammlung. Das Buch diente den Leserinnen und Lesern in der DDR als eine Form des intellektuellen und kulinarischen Eskapismus – ein gedankliches Reisebüro in Zeiten stark eingeschränkter Reisefreiheit.
Inhaltliche Schwerpunkte und Themenwelten
Das Werk ist in verschiedene thematische Essays und Ratgeberteile gegliedert, die ein erstaunlich breites Spektrum abdecken:
1. Kulturgeschichte und das „humanistische Erbe“ Winnington bettet das profane Thema Essen geschickt in die Weltliteratur ein. Sie zitiert historische Persönlichkeiten wie Immanuel Kant, Heinrich Heine, Alexander Puschkin, William Shakespeare und Theodor Fontane. Um den Genuss, der in der sozialistischen Ideologie oft als bourgeoise Dekadenz verdächtigt wurde, zu legitimieren, widmet die Autorin gleich zu Beginn den Essgewohnheiten von Karl Marx (der Kalbsbraten schätzte) und Friedrich Engels (ein Liebhaber von Makkaroni) viel Raum. Genuss und Sozialismus, so die subtile Botschaft, schließen sich nicht aus.
2. Der Zivilisationsprozess am Esstisch Unter der Überschrift „Von Sitten und Unsitten des Tafelns“ liefert das Buch eine vergnügliche Soziologie der Tischmanieren. Winnington beschreibt, wie die Gabel im Mittelalter als Teufelswerkzug verschrien war, und blickt weit über den europäischen Tellerrand hinaus. Sie beschreibt das Essen mit Stäbchen in Asien oder den Gebrauch der Hände in Usbekistan völlig wertfrei als gleichberechtigte Kulturtechniken. Diese absolute Weltoffenheit war für die Leserschaft in der DDR ein erfrischender Blick in andere Gesellschaften.
3. Pflanzenheilkunde, Aberglaube und Aphrodisiaka Ein bemerkenswertes Kapitel widmet sich der Heilkraft der Nahrung („Aberglaube und Medizin“). Von Hippokrates bis Paracelsus wird die Geschichte der Kräutermedizin beleuchtet, Mythen werden entlarvt und echtes Heilwissen bewahrt. Besonders hervorstechend ist das Kapitel „Küchentips für Liebesleute“. Winnington widmet sich hier charmant und offen historischen Aphrodisiaka und Liebestränken – ein Ausbruch aus der oft als prüde empfundenen offiziellen DDR-Kulturpolitik.
4. Die harte Realität: Übergewicht in der DDR Im Kapitel „Gegen die Bauchdienerei“ wechselt die Tonalität vom vergnüglichen Plauderton zur handfesten Ernährungsberatung. Die Autorin benennt das massive Gewichtsproblem der DDR-Bevölkerung (verursacht durch subventionierte, oft fett- und kohlenhydratreiche Nahrungsmittel bei gleichzeitigem Mangel an frischem Gemüse) erstaunlich schonungslos. Statt Wunderkuren zu versprechen, liefert sie detaillierte Nährwert- und Jouletabellen sowie strenge, durchgetaktete Wochenend-Diäten (z. B. die Gemüse-Eier-Diät).
5. Die Welt auf dem Teller: Exotische Rezepte Der Schlussteil „50 berühmte Rezepte aus aller Welt“ ist der ultimative Beweis für den Eskapismus des Buches. Rezepte wie französische Quiche Lorraine, indische Mulligatawny-Suppe, Mexikanischer Liebestrank oder englisches Jugged Rabbit weckten Fernweh. Für die ostdeutsche Hausfrau war das Nachkochen oft ein logistisches Meisterstück, da Zutaten wie echter Rotwein, spezielle Gewürze oder Olivenöl oft nur als begehrte „Bückware“ oder mit viel Improvisationsgeschick zu beschaffen waren.
Die visuelle Ebene: Karikaturen von Newena Wendt-Jontschewa
Die dichten, historischen und teils belehrenden Texte werden durch die kongenialen Illustrationen von Newena Wendt-Jontschewa meisterhaft aufgelockert. Ihr lockerer, karikaturhafter Strich nimmt dem Thema jede akademische Schwere. Die humorvollen Vignetten – etwa der übergewichtige Herr mit dem Maßband, das weinende Paar hinter einer riesigen Zwiebel oder der martialische Wikinger am Bratspieß – erlauben es den Lesern, über menschliche Schwächen rund um den Magen und die Waage zu schmunzeln.
Fazit und Bedeutung
Ursula Winningtons Ein Leib- und Magenbuch ist weit mehr als eine historische Rezeptsammlung. Es ist ein wertvolles Zeitdokument, das zeigt, wie Ratgeberliteratur in der DDR funktionierte: Sie bildete auf hohem Niveau, sie erzog, sie improvisierte und sie bot den Menschen eine dringend benötigte Brücke in die weite Welt. Heute liest es sich als faszinierende Mischung aus fundierter Gastrosophie und ostdeutscher Alltagsgeschichte.



