Titel: Die Beatles – Ihr Leben und ihre Lieder Autor: Gottfried Schmiedel Verlag: Edition Peters, Leipzig (3. veränderte Auflage, 1985)
Ein Meisterwerk der kulturellen Gratwanderung
Wie erklärt man der sozialistischen Jugend eine westliche Popband, die LSD konsumiert, Millionen scheffelt und den Ausnahmezustand auslöst? Gottfried Schmiedels Buch „Die Beatles – Ihr Leben und ihre Lieder“ liefert die Antwort und ist heute ein faszinierendes Lehrstück der DDR-Publizistik. Um die Publikation im staatlich kontrollierten Verlagswesen zu ermöglichen, bettete der Autor die Biografie der „Fab Four“ meisterhaft in ein marxistisches Erklärungsmodell ein, ohne dabei den musikalischen Respekt vor der Band zu verlieren.
Von Proletariern zu Pop-Ikonen
Das Buch zeichnet den Weg der Band akribisch nach, legt den Fokus aber bewusst auf die harten, arbeitsamen Anfänge. Das Liverpooler Hafenmilieu wird als raue Schule der Arbeiterklasse beschrieben. Auch die wilden Jahre auf der Hamburger Reeperbahn werden nicht als Party-Exzess, sondern als harte handwerkliche Lehre und knallharte „Maloche“ unter den Ausbeutungsbedingungen westlicher Clubbesitzer dargestellt. Die Beatles erscheinen hier als ehrliche Jungs von nebenan, die sich ihren Erfolg schweißtreibend erarbeitet haben.
Ideologische Umdeutung und Systemkritik
In den späteren, komplexeren Jahren der Band (ab Rubber Soul und Sgt. Pepper) läuft die ideologische Interpretation zur Höchstform auf:
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John Lennon, der Friedenskämpfer: Lennon wird zum moralischen und intellektuellen Zentrum der Band erhoben. Seine Protestaktionen, die Rückgabe seines britischen Ordens und seine kritischen Texte werden als Erwachen eines anti-imperialistischen Klassenbewusstseins gefeiert.
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Kritik am Kapitalismus: Die Trennung der Band und das Chaos um das eigene Label Apple Records schiebt das Buch nicht persönlichen Differenzen in die Schuhe, sondern der zerstörerischen Natur der kapitalistischen Musikindustrie, die selbst aus echten Künstlern am Ende Marionetten des Showbusiness mache.
Die Legitimierung durch die Klassik (E-Musik)
Um die Popmusik (U-Musik) vor den gestrengen Kulturfunktionären zu rechtfertigen, greift Schmiedel tief in die Trickkiste der Hochkultur. Er zitiert im Buch ausgiebig namhafte Dirigenten wie Leonard Bernstein oder DDR-Größen wie den Gewandhauskapellmeister Kurt Masur, die den musikalischen Genius der Beatles bestätigen. Die Pilzköpfe werden so auf eine Stufe mit Schubert und Schönberg gestellt – der ultimative Ritterschlag im Arbeiter-und-Bauern-Staat.
Avantgardistische Optik und wertvoller Anhang
Auch visuell ist das Buch, das ausgerechnet im renommierten klassischen Notenverlag Edition Peters erschien, eine Überraschung. Die Fotocollagen von Grafiker Armin Wohlgemuth transportieren die surreale und psychedelische Ästhetik der späten 60er Jahre direkt in die ostdeutschen Wohnzimmer – inklusive brennender US-Dollar-Münzen als subversive Systemkritik.
Besonders wertvoll für die damalige Leserschaft im RGW-Raum (Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe) ist der Anhang. Neben detaillierten Lebensdaten bietet das Buch ein komplettes Verzeichnis aller Beatles-Titel, die als Lizenzpressungen bei Ost-Labels wie AMIGA (DDR), Supraphon (CSSR) oder Melodia (UdSSR) erschienen sind.
Fazit
Gottfried Schmiedels Werk ist ein tiefgründiges, top-recherchiertes und gleichzeitig politisch geschickt verpacktes Buch. Es dokumentiert nicht nur das Leben der Beatles, sondern vor allem, wie eine ganze Generation in Ostdeutschland versuchte, an der globalen Popkultur teilzuhaben. Ein absolutes Muss für Sammler von DDR-Literatur und Musikgeschichte.
Bibliografische Daten (Exemplarisch für dieses vorliegende Buch):
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Autor: Gottfried Schmiedel
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Verlag: Edition Peters, Leipzig
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Auflage: 3. veränderte Auflage (1985)
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Druckerei: Offizin Andersen Nexö, Leipzig
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Lizenz-Nr.: 415-330/A 20/85
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LSV: 8384
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Ausstattung: Hardcover, reichhaltig bebildert mit s/w-Fotografien und farbigen Collagen.


