Inhalt: „Plastik. Lehrbuch für die Kunstbetrachtung“ führt auf 180 Seiten durch die Geschichte der Bildhauerei. Ein erstes Kapitel, „Vom Wesen der Plastik“, behandelt Werkstoffe, Werkzeuge und Gattungen. Danach folgen die Epochen von der Urgesellschaft über Ägypten, Griechenland und Rom, Romanik, Gotik, Renaissance, Barock und Klassizismus bis zur Plastik des 20. Jahrhunderts. Jede Epoche ist gleich gebaut: Lehrtext mit Werkvergleichen, lexikalische Kurzbiografien, Zeittafel, Bildtafeln. Am Ende stehen ein Verzeichnis der Gegenwartsplastik, Literaturhinweise und ein Sachwortverzeichnis. Die Abbildungen sind schwarzweiß und nach Kapitel und laufender Nummer gezählt, sodass sich Text und Bild genau aufeinander beziehen lassen. Studioaufnahmen (Kolbe, Kändler, Donatello) sind gut, Freiaufnahmen und Architekturansichten wirken körnig.
Autor: Klaus Wegmann wird im Impressum mit „Dresden“ genannt. Nach einem Auktionskatalogtext wurde er 1923 geboren, war ab 1945 Neulehrer in Dresden, später Fachberater für Kunsterziehung und langjähriges Redaktionsmitglied der Zeitschrift „Kunsterziehung“. Für Volk und Wissen arbeitete er an mehreren Veröffentlichungen mit. Die Einbandgestaltung stammt von Heinz Hellmis, die typographische Gestaltung von Gerhard Neitzke. Das Titelfoto zeigt Fritz Cremer bei der Arbeit an der Buchenwaldgruppe.
Historischer Kontext: Das Buch erschien 1966 als 1. Auflage bei Volk und Wissen Volkseigener Verlag Berlin, einem 1945 als Schulbuchverlag gegründeten Haus. Redaktionsschluss war der 15. Dezember 1965, das Ministerium für Volksbildung hatte den Band als Schulbuch bestätigt, der Ladenpreis betrug 6,50 Mark. Durchgehend gilt der historische Materialismus: Kunst wird aus Produktionsweise und Klassenverhältnissen abgeleitet, Epochen heißen „Sklavenhaltergesellschaft“, „Feudalordnung“ oder „Manufakturkapitalismus“. Sobald ein einzelnes Werk beschrieben wird, tritt die Doktrin zurück. Die Analysen zu Ponderation, Faltenwurf und Bronzeguss sind handwerklich genau, die Polemik sitzt in den Kapiteleinleitungen und Zeittafeln. Zu Auflagenhöhe, Nachauflagen oder zeitgenössischer Kritik ließ sich nichts Belastbares finden.
Was dieses Buch heute interessant macht: Es hat zwei Gebrauchswerte. Als Handwerkszeug taugt es noch: Der Vergleich von Kuros, Doryphoros und Apoxyomenos (S. 37) zeigt an drei Figuren, was Ponderation ist. Als Quelle verrät es, was ein DDR-Schulbuch Mitte der 1960er Jahre über die Moderne sagen wollte. Henry Moores stehendes Figurenpaar „erschreckt uns durch die gespenstische Umformung alles Menschlichen“ (S. 147), ungegenständliche Kunst verbreite „Pessimismus und Schicksalsglauben“ (S. 149). Im selben Kapitel nennt der Text den Personenkult in der sowjetischen Monumentalplastik eine Fehlentwicklung, die Werke erstarrten „in leerer Pose“ (S. 149). Das Bild, das sich ergibt: Antike und europäische Tradition gelten als Erbe, die klassische Moderne wird bedingt aufgenommen, die Plastik der DDR steht am Ende als Zielpunkt. Interessant ist das für Sammler von DDR-Schulbüchern, für Leser mit Blick auf die Kulturpolitik der Zeit und für alle, die Bildhauerei lieber an Werkvergleichen als an Katalogtexten lernen.
Ausgabe: Volk und Wissen Volkseigener Verlag Berlin, 1966, 1. Auflage, 180 Seiten, schwarzweiße Abbildungen. Bestellnummer 170954-1, Lizenznummer 203 1000/65 (E) ES 11 E, Druck VEB Leipziger Druckhaus, Leipzig, Schrift Garamond.
Erhaltungszustand: Gesamtzustand gut. Die Ecken sind etwas berieben bzw. angestoßen.











